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Interview mit Frau Dr. rer. medic. Reinhild Schwarte

Veröffentlicht von Lukas Randig am

Videocall zwischen Anne Reisig und Lukas Randig von aidable und Dr. rer., medic. Reinhild Schwarte von den Oberberg Kliniken, Fachklinik Konraderhof

„Viele Eltern wissen gar nicht, wie groß ihr Einfluss auf den Genesungsprozess der Kinder sein kann.” – (Dr. rer. medic. Reinhild Schwarte)

Die Expertin

Frau Dr. Reinhild Schwarte hat die Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin in Köln (AVT) und Aachen (Prof. H. Saß.) absolviert. Von 2004 bis 2016 war sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen tätig. Seit Mitte 2016 ist sie Teil des Teams der Fachklinik Konraderhof der Oberberg Kliniken, wo sie seit 2019 den Bereich Essstörungen leitet. Ihre Promotion mit dem Thema „Depressive Symptome und Expressed Emotions bei Eltern von jugendlichen Patientinnen mit Anorexia Nervosa – eine Längsschnittstudie” hat sie 2017 abgeschlossen.

Der Austausch

aidable möchte die Herausforderungen von Eltern, deren Kinder unter einer Essstörung leiden, besser verstehen, um passende und nachhaltige Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln. Hierfür ist der Austausch und enger Kontakt mit zentralen Anlaufstellen besonders wertvoll.

Die Fachklinik Konraderhof verwendet verschiedene Therapieansätze, um die bestmögliche Behandlung ihrer Patienten zu gewährleisten. Dabei wird zwischen vollstationären, teilstationären und ambulanter Nachsorge mit Home-Treatment unterschieden. Bei der ambulanten Nachsorge mit Home-Treatment besuchen die Therapeut:innen die Familien zu Hause und führen die Behandlung vor Ort durch. Frau Dr. Schwarte rechnet aufgrund der positiven Resonanz mit einer steigenden Relevanz der ambulanten Nachsorge mit Home-Treatment in der Zukunft.

Für die Eltern ist das eine positive Entwicklung, da sie so als aktiver Teil in den Genesungsprozess mit einbezogen und als relevante Kontaktperson für die Betroffenen wahrgenommen werden. „Oft fragen sie nach Buchtipps oder googlen selbst nach Hilfsmitteln, finden dabei aber primär Vorwürfe und Schuldzuweisungen für die Entstehung der Krankheit, Vorwürfe die nicht über Studien oder Forschung belegt sind.” Eltern werden durch die Vorwürfe verletzt und verunsichert. Diese Unsicherheit und ihr mangelndes Verständnis für die Krankheit belastet auch die Patient:innen und kann die ohnehin angespannte Situation weiter verschlechtern.

Viele Eltern wissen gar nicht, wie groß ihr Einfluss auf den Genesungsprozess der Kinder sein kann”, so Frau Dr. Schwarte. Dies zeigt sich auch in den Erwartungen an Therapie und Klinikaufenthalt. Oftmals nehmen Eltern irrtümlicherweise an, dass ihr Kind nach dem Klinikaufenthalt vollständig geheilt nach Hause kommt. Daher zählt es zu den Aufgabe der Therapeut:innen, die Erwartungen der Eltern diesbezüglich zu managen und Ihnen zu vermitteln, dass auch nach der Therapie aktiv am Genesungsprozess gearbeitet werden muss.

Um den Grundstein für die Zeit nach der Therapie zu legen, werden die Eltern in der Fachklinik Konraderhof in den Genesungsprozess eingebunden. Mindestens alle zwei Wochen findet ein Verlaufsgespräch mit den Eltern statt, je nach Therapiethema auch öfter. Des Weiteren gibt es Gruppen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten, wie die Multifamilientherapie mit allgemeinen Familienthemen oder die Eltern-Kunsttherapie, an der Eltern und Kind gemeinsam teilnehmen. Die Home-Treatment Einheiten stellen einen intensiveren Ansatz dar. „Home-Treatment fühlt sich effektiver an. Durch den gewohnten Alltag und den Kontakt zu den Eltern und Kindern in einem gewohnten Umfeld sind die Therapeut:innen viel näher an den Familien dran und können anders wirken” betont die Expertin.

Auf die Frage, was denn die größten Probleme und Herausforderungen für Eltern seien, berichtet Frau Dr. Schwarte: „Eltern machen sich große Sorgen über den Verlauf der Krankheit. Themen wie Tod, Chronifizierung, mangelnde Selbstständigkeit sind bei vielen wiederkehrende Gedanken”. Des Weiteren stünden Eltern vor der Herausforderung, die Situation ihrer Kinder realistisch einzuschätzen. „Wie krank ist mein Kind wirklich?” sei eine Frage, die von Eltern nur schwer zu beantworten sei. Ebenso müssten die Eltern lernen mit der hohen Rückfallgefahr bei Essstörungen umzugehen und Akzeptanzprozesse durchlaufen, um diesen schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Wichtig ist es, dass Eltern lernen mehr auf sich selbst zu achten. „Fürsorgende sollten in ein Gespräch darüber kommen, dass mit der Essstörung in der Familie ein gemeinsames Problem vorliegt, welches angegangen werden muss. Falls das nicht zeitig thematisiert wird, brechen diese Emotionen in stressigen Situationen hervor.”, so Frau Dr. Schwarte. Besonders wichtig ist es dabei herauszufinden, wie trotz der Krankheit die eigene, partnerschaftliche Beziehung zwischen den Elternteilen und die Beziehung zu weiteren Kindern gepflegt und gewertschätzt werden kann.

Des Weiteren wird ein veränderter Umgang mit den Patient:innen erfordert. Die Kommunikation zwischen Eltern und Patient:innen muss sich wandeln und „raus aus dem kritisierenden, emotionalen Stil” betont die Expertin. 

Diesen Wandel in der Kommunikation wollen wir mit unserem Online-Kurs unterstützen und fördern. Im Kurs erhalten Eltern konkrete Handlungsempfehlungen für spezifische Situationen, die während der Genesung im Alltag auftreten können. Frau Dr. Schwarte kann sich gut vorstellen, dass konkrete Handlungsempfehlungen den Eltern helfen können, da häufig nach genau solchen Hilfsmitteln gefragt wird.

Möchtest du herausfinden, wie die Handlungsempfehlungen aussehen? Dann schau dir unseren Online-Kurs genauer an, kostenlos!


Lukas Randig

Grüß dich! Ich beschäftige mich mit Zahlen & unserem Netzwerk, verfasse aber gerne auch mal einen Artikel. Schau doch mal vorbei.

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